Der wahre Job dieses Milchshakes ist anders als du denkst

Eine amerikanische Fast-Food-Kette, Mitte der 2000er. Der Konzern will mehr Milchshakes verkaufen und tut, was Konzerne tun: Er befragt seine Kunden. Soll der Shake dicker sein? Schokoladiger? Billiger? Mit mehr Stückchen? Die Kunden antworten brav, die Rezeptur wird verbessert, das Marketing nachgeschärft.

Der Absatz bewegt sich nicht.

Dann schickt der Konzern ein Team um den Innovationsforscher Clayton Christensen los, und das Team tut etwas Ungewöhnliches: Es fragt nichts. Es stellt sich achtzehn Stunden in eine Filiale und schreibt auf, was passiert.

Der Befund verblüfft. Fast die Hälfte aller Milchshakes geht vor halb neun Uhr morgens über den Tresen. Die Käufer sind allein. Sie kaufen nichts anderes dazu. Und sie setzen sich nicht hin, sie steigen ins Auto und fahren davon.

Job to be done Theorie. Der Job eines Milchshakes ist nicht der, für den du ihn hältst

Jetzt erst wird gefragt, aber anders. Nicht „wie schmeckt Ihnen der Shake“, sondern: Wofür haben Sie ihn angeheuert?

Die Antworten erzählen alle dieselbe Geschichte. Ein langer, öder Arbeitsweg. Eine freie Hand am Lenkrad, die etwas zu tun braucht. Hunger, der erst um zehn wieder anklopfen soll. Und eine Reihe von Bewerbern, die den Job schon vermasselt hatten: Die Banane ist in zwei Minuten weg. Der Donut krümelt aufs Hemd. Das Bagel ist trocken und braucht zwei Hände. Der Schokoriegel macht ein schlechtes Gewissen um sieben Uhr früh.

Der Milchshake dagegen: dickflüssig genug, um durch den dünnen Strohhalm zwanzig Minuten zu halten. Passt in den Getränkehalter. Macht satt bis zum Vormittag. Er ist kein Dessert. Er ist ein Pendler-Beschäftigungsgerät mit Sättigungsfunktion.

Die Konkurrenz des Milchshakes war nie der Shake von nebenan. Es waren die Banane, der Donut und die Langeweile.

Der Mechanismus dahinter

Christensen goss den Befund in einen Satz, der seither falsch zitiert und selten verstanden wird: Menschen kaufen keine Produkte. Sie heuern sie an, um einen Job zu erledigen.

Die Verschiebung ist fundamental. Die klassische Marktforschung fragt: Wer ist der Kunde? Alter, Einkommen, Wohnort, Vorlieben. Dann baut sie das Produkt für das Profil. Aber der 45-jährige Pendler morgens um sieben und derselbe Mann nachmittags um vier mit seinem Sohn an der Hand sind demografisch identisch und kaufen zwei völlig verschiedene Dinge, die zufällig gleich aussehen. Morgens heuert er ein Beschäftigungsgerät für den Arbeitsweg an. Nachmittags heuert er ein Friedensangebot an: Ja sagen können, sich als guter Vater fühlen, ohne dass das Kind eine halbe Stunde am Riesenbecher nuckelt. Für den Morgen-Job ist derselbe Shake perfekt. Für den Nachmittags-Job ist er falsch, zu groß, zu langsam.

Wer die Person segmentiert, sieht einen Kunden. Wer den Job segmentiert, sieht zwei Märkte.

Und der Job hat immer drei Schichten. Die funktionale: satt werden, Hand beschäftigen. Die emotionale: sich versorgt fühlen, kein schlechtes Gewissen. Die soziale: Was denken die anderen, wenn sie mich damit sehen? Produkte scheitern selten an der ersten Schicht. Sie scheitern fast immer an den beiden unsichtbaren.

Warum die Befragung scheiterte

Der Konzern hatte jahrelang gefragt und nichts gelernt, und der Grund ist ein Muster, das dieser Blog schon zweimal seziert hat.

Die Verbesserungsfragen („dicker? schokoladiger? billiger?“) waren Bestätigungskarten: Sie konnten nur Antworten innerhalb der Kategorie Milchshake liefern. Dass der eigentliche Wettbewerber eine Banane war, konnte in keiner Antwort vorkommen, weil es in keiner Frage vorkommen konnte. Wer nur im eigenen Sortiment fragt, bekommt nur das eigene Sortiment zurück, präzise vermessen und vollständig wertlos.

Der Ausweg war keine bessere Frage, sondern eine andere Erhebung: erst beobachten, was Menschen tun, dann rekonstruieren, warum. Nicht „was wünschen Sie sich“, sondern „erzählen Sie mir vom letzten Mal, als Sie hier morgens etwas gekauft haben“. Der Wunsch ist Fiktion. Der letzte Kauf ist ein Tatort, und Tatorte lügen nicht.

Die nächsten Schritte

Die Konkurrenz-Inventur. Schreiben Sie auf, womit dein Angebot wirklich konkurriert, aus Sicht des Jobs, nicht der Branche. Die Ferienwohnung konkurriert nicht mit dem Hotel nebenan, sondern mit dem Balkon zuhause und der Angst vor kompliziertem Urlaub. Die Beratung konkurriert nicht mit anderen Beratern, sondern mit „wir machen das intern“ und mit „wir machen erstmal nichts“. Der gefährlichste Wettbewerber steht fast nie im Branchenverzeichnis. Meistens heißt er Nichtstun.

Der Job hinter der Bestellung. Der Klassiker der Verkaufsliteratur sagt: Niemand will einen Bohrer, alle wollen das Loch. Christensen geht eine Ebene tiefer: Niemand will das Loch. Gewollt ist das hängende Regal, und dahinter der Satz des Partners: Schön ist das geworden. Frage dich bei deinem meistverkauften Produkt durch alle drei Ebenen. Auf welcher verdienst du dein Geld, und auf welcher wirbst du? Wenn die Antworten auseinanderliegen, verbrennt dein Marketing Budget.

Die Gegenstück-Regel. Ein Produkt, zwei Jobs heißt fast immer: zwei Produkte. Der Konzern lernte es: Der Morgen-Shake wurde dicker und bekam Fruchtstücke, kleine Überraschungen für den öden Weg. Für den Nachmittag die halbe Größe, schnell trinkbar. Gleiche Maschine, zwei Angebote. Prüfe deine Bestseller: Welche bedienen heimlich zwei Jobs und erledigen deshalb beide mittelmäßig?

Die Interview-Wende. Streichen Sie aus jedem Kundengespräch die Zukunftsfragen („würden Sie…“, „was wünschen Sie sich…“). Ersetze sie durch Vergangenheitsrekonstruktion: Wann haben Sie zuletzt gekauft? Was war an dem Tag los? Was haben Sie vorher probiert? Was hätte Sie abgehalten? Menschen sind miserable Propheten ihrer selbst und hervorragende Zeugen.

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Stefan Prosch
Stefan Prosch