Der zehnte Mann. Zuviel Einigkeit braucht Widerspruch

Tel Aviv, Anfang Oktober 1973. Auf den Tischen des israelischen Militärgeheimdienstes Aman stapeln sich Meldungen, die im Rückblick wie Sirenen wirken: ägyptische Divisionen am Suezkanal in Angriffsstärke, syrische Panzer auf dem Golan, sowjetische Beraterfamilien, die hastig ausgeflogen werden. Sogar eine hochrangige Quelle im engsten Kreis Kairos warnt in letzter Minute konkret vor dem Krieg. Die Analysten sehen all das. Und stufen die Kriegsgefahr ein: gering.

Der Grund war keine fehlende Information, sondern eine vorhandene Überzeugung. Sie hieß intern schlicht „die Konzeption“: Ägypten greift nicht an, solange es keine Luftüberlegenheit hat, und die hat es nicht, also kommt kein Krieg. Die Konzeption war logisch, von den klügsten Köpfen des Landes geteilt, und sie funktionierte wie ein Filter: Jede Meldung, die ihr widersprach, wurde zur Übung, zur Drohgebärde, zum Säbelrasseln erklärt. Am 6. Oktober, am höchsten Feiertag des Jahres, griffen Ägypten und Syrien an. Israel überlebte den Krieg, knapp, und die Untersuchungskommission stellte danach die Frage, die dieses Kapitel trägt: Wie kann es sein, dass die bestinformierte Organisation des Landes einstimmig irrte? Und was baut man dagegen?

Die Antwort, die Israel baute, ist der Grund, warum diese Geschichte vierzig Jahre später ausgerechnet in einem Zombiefilm wieder auftaucht.

Der zehnte Mann

Ein Kinosaal als Seminarraum

World War Z, 2013. Brad Pitt spielt einen UN-Ermittler, der um die Welt reist, um den Ursprung einer Seuche zu finden, die Staaten in Tagen kollabieren lässt. Eine Station ist Jerusalem, und Jerusalem steht noch, als einziger Ort, geschützt von einer rechtzeitig gebauten Mauer. Pitts Figur stellt die naheliegende Frage: Wie konnte ausgerechnet ihr vorbereitet sein auf etwas, das niemand für möglich hielt? Der Mossad-Mann, der ihm gegenübersitzt, erzählt von den Malen, in denen Israel einstimmig geirrt hat, und von der Regel, die daraus folgte: Wenn neun Personen mit denselben Informationen zum selben Schluss kommen, ist es die Pflicht des zehnten, zu widersprechen. Nicht weil er anderer Meinung wäre. Sondern weil es seine Aufgabe ist, anzunehmen, die neun irren sich, und dann zu prüfen, was daraus folgen würde. Deshalb, sagt er, nahm jemand die absurde Meldung ernst, und deshalb steht die Mauer.

Die Regel in dieser Reinform ist Drehbuchverdichtung, so kodifiziert existiert sie in keiner Dienstvorschrift. Aber der Kern ist real: Nach 1973 richtete der israelische Militärgeheimdienst tatsächlich eine Einheit ein, deren einziger Auftrag der institutionalisierte Widerspruch ist. Ihr interner Name, aus dem Aramäischen des Talmud, ist Programm: Ipcha Mistabra, das Gegenteil ist plausibel. Die Einheit schreibt Gegenanalysen zur herrschenden Lagebeurteilung, mit vollem Zugang zu allen Quellen, und berichtet an die Spitze, vorbei an den Hierarchien, deren Konsens sie angreift. Hollywood hat also nicht erfunden, sondern verdichtet, und die Verdichtung ist so gut, dass sie als Merksatz taugt: Der zehnte Mann ist keine Meinung. Er ist ein Amt.

Der Mechanismus: Warum neun sich einig sind

Um zu verstehen, warum das Amt nötig ist, muss man verstehen, wie Einstimmigkeit entsteht, denn sie entsteht fast nie so, wie sie aussieht. Sie sieht aus wie zehn unabhängige Urteile, die zufällig übereinstimmen, und wäre dann tatsächlich starke Evidenz. In Wirklichkeit ist sie meist eine Kaskade: Der Erste äußert eine Einschätzung. Der Zweite, leicht unsicher, gewichtet die Einschätzung des Ersten mit und stimmt zu. Der Dritte sieht bereits zwei Übereinstimmende und braucht sehr gute private Gründe, um abzuweichen. Ab dem Fünften ist Widerspruch kein Informationsbeitrag mehr, sondern ein sozialer Akt mit Kosten: Man stellt sich gegen den Raum. Die Zustimmenden geben dabei nicht ihre Information weiter, sondern nur ihr Einverständnis, und so kann eine Runde von zehn klugen Personen auf der Informationsbasis von anderthalb Personen einstimmig werden. Einstimmigkeit ist häufig kein Beweis für die Qualität einer Annahme, sondern für die Stärke ihres sozialen Gefälles.

In Israel 1973 kam die Autorität dazu: Die Konzeption gehörte den ranghöchsten Analysten, und wer ihr widersprach, widersprach nicht einer These, sondern seinen Vorgesetzten. Genau hier setzt der Trick des zehnten Mannes an, und er ist derselbe Trick, der das Pre-Mortem trägt: Er entkoppelt das Argument von der Person. Wer als zehnter Mann widerspricht, riskiert nichts, er erfüllt seine Pflicht. Der Widerspruch wird von einem Loyalitätsbruch zu einer Dienstleistung. Und mehr noch: Die Pflicht erzwingt Arbeit statt Bauchgefühl. Der zehnte Mann darf nicht sagen „ich habe Bedenken“. Er muss den stärksten Fall dafür bauen, dass die neun irren, mit denselben Daten, und ihn ausarbeiten, bis er entweder trägt oder nachweislich bricht.

Eine ehrliche Fußnote gehört dazu, sie stammt aus der Forschung von Charlan Nemeth zu Dissens in Gruppen: Verordneter Widerspruch ist schwächer als echter. Ein Advocatus Diaboli, der seine Rolle nur spielt, kann eine Gruppe sogar immunisieren, nach dem Muster: Wir haben die Einwände ja gehört. Das ist kein Argument gegen die Institution, aber eines gegen ihre Ritualisierung. Der zehnte Mann wirkt nur, wenn seine Gegenanalyse echte Arbeit ist, echte Ressourcen bekommt und eine echte Antwort erzwingt. Ein Bedenkenträger mit Redezeit ist Theater. Ein Ermittler mit Mandat ist eine Institution.

Je stärker der Chef, desto nötiger das Amt

Und nun der Punkt, an dem dieses Kapitel den eigentümergeführten Betrieb härter trifft als jeden Konzern. Die bisherigen Kapitel haben die strukturellen Vorteile des Eigentümers gesammelt: Er kann warten, er muss keine Anträge verkaufen, er darf unlogisch sein. Hier steht der strukturelle Nachteil, und er ist das Spiegelbild derselben Stärke: Im Betrieb des starken Eigentümers gibt es keinen natürlichen zehnten Mann.

Die Kaskade beginnt bei ihm, jedes Meeting startet mit einem sozialen Gefälle, das steiler ist als in jeder Konzernhierarchie, denn der Mann am Kopfende ist nicht der Vorgesetzte, er ist der Arbeitgeber, der Gesellschafter und die Gründungslegende in Personalunion. Seine Einschätzung ist die Konzeption des Hauses. Mitarbeiter, die ihr widersprechen, tun das ohne Amt, ohne Schutz und ohne Auftrag, also tun es die wenigsten, und die Einstimmigkeit am Tisch fühlt sich für den Eigentümer an wie Bestätigung. Sie ist das Echo seiner eigenen Stimme.

Die typischen Konzeptionen des Mittelstands klingen so: Unsere Kunden zahlen diesen Preis nicht. Ohne diesen Großkunden geht es nicht. Unser Vertrieb funktioniert nur persönlich. Der Onlinekanal kannibalisiert das Geschäft. Jede davon war irgendwann eine richtige Beobachtung, ist zur Annahme geronnen und filtert seither die Meldungen, genau wie am Suezkanal: Der Wettbewerber, der die Preiserhöhung durchsetzt, ist ein Sonderfall. Die Anfrage aus dem neuen Segment ist ein Ausreißer. Das Signal, das der Konzeption widerspricht, wird nicht unterdrückt, es wird umgedeutet, und Umdeutung fühlt sich von innen an wie Analyse.

Der Unterschied zum Pre-Mortem ist damit klar, und beide gehören ins selbe Kapitel des Werkzeugkastens: Das Pre-Mortem ist ein Ereignis, es findet einmal statt, vor einem Projekt, und holt bekannte Risiken an die Oberfläche. Der zehnte Mann ist eine Einrichtung, er läuft dauerhaft und greift nicht Projekte an, sondern die Annahmen, auf denen alle Projekte stehen. Das eine prüft den Plan. Das andere prüft die Konzeption.

Das Amt einrichten, in vier Regeln

Erstens: Schwelle definieren. Nicht jede Entscheidung braucht einen zehnten Mann, sonst wird er zum Ritual. Das Amt greift zweimal: bei Entscheidungen ab einer definierten Größenordnung, etwa 10% des Jahresgewinns an Einsatz, und einmal jährlich gegen die drei Kernannahmen des Geschäfts, die dafür schriftlich vorliegen müssen. Schon das Aufschreiben der Konzeptionen ist die halbe Übung, den ungeschriebene Annahmen kann niemand angreifen.

Zweitens: Rolle rotieren und mandatieren. Pro Entscheidung wird eine Person benannt, reihum, damit die Rolle nicht an der Persönlichkeit klebt und kein Haus-Pessimist entsteht. Das Mandat ist schriftlich und positiv formuliert: Baue den stärksten Fall dafür, dass wir irren, mit Zugang zu allen Zahlen, mit Zeit dafür, und liefere ihn schriftlich, eine Seite. Nörgeln ist nicht das Mandat. Ermitteln ist das Mandat.

Drittens: Antwortpflicht statt Vetorecht. Der zehnte Mann entscheidet nichts, sonst wird das Amt zur Machtfrage. Aber der Entscheider, im Zweifel der Eigentümer selbst, muss auf den stärksten Einwand schriftlich antworten, bevor umgesetzt wird: Warum trägt er nicht, oder was am Plan ändert sich seinetwegen. Diese eine Seite ist der Kern der Institution. Sie zwingt die Konzeption, sich einmal zu verteidigen, und sie hinterlässt ein Dokument, an dem man später prüfen kann, wer richtig lag, die Voraussetzung für jedes Lernen.

Viertens: Für die kleinsten Betriebe die externe Variante. Wo kein Zehnter ist, weil nur drei am Tisch sitzen, wird das Amt eingekauft oder getauscht: ein Beiratsmitglied mit exakt diesem Auftrag, ein befreundeter Unternehmer im Gegenseitigkeitstausch, zweimal im Jahr, je ein Vormittag, jeder zerlegt die Konzeption des anderen. Der Außenstehende hat den doppelten Vorteil des zehnten Mannes von Geburt: kein Gefälle und keine geteilte Geschichte, aus der die Konzeption stammt.

Die Kernfrage

Israel hat seine Lektion nicht aus einem Mangel an Intelligenz gelernt, sondern aus deren Versagen im Verbund: Die Analysten von 1973 waren brillant, informiert und einig, und genau die Einigkeit war der Defekt. Die Institution, die daraus entstand, beruht auf einem Satz, der jedem Unternehmer schwerfällt, weil er sich gegen das gute Gefühl richtet, das ein zustimmender Tisch erzeugt: Einstimmigkeit ist kein Ergebnis, sie ist ein Zustand, und man muss wissen, wie er hergestellt wurde, bevor man ihm traut.

Die Frage an dein Unternehmen ist deshalb nicht, ob deine Leute dir widersprechen dürfen. Natürlich dürfen sie, das sagt jeder Chef. Die Frage ist, wessen bezahlte Aufgabe es diese Woche war.

Wer besser entscheidet, gewinnt. Wer dem eigenen Konsens einen Gegner besoldet, irrt seltener einstimmig.

Stefan Prosch
Stefan Prosch