Du willst, was andere wollen. Nachahmung ist die Grundlage für das menschliche Konsumverhalten

Sommer 2004. Ein Student kommt in das Büro von Peter Thiel und stellt ein Studentenverzeichnis mit Profilbildern vor. Kein Umsatz, kein Geschäftsmodell, ein paar tausend Nutzer an einer Handvoll Universitäten. Der Markt ist besetzt: Friendster ist größer, MySpace wächst schneller.

Thiel investiert 500.000 Dollar. Als erster externer Geldgeber überhaupt.

Jahre später erklärt er die Entscheidung. Nicht mit Kennzahlen, nicht mit dem Team, nicht mit dem Markt. Sondern mit einem Seminar, das er als Student in Stanford besucht hatte, bei einem französischen Literaturwissenschaftler namens René Girard.

Thiel hatte in dem Studentenverzeichnis etwas gesehen, das in keinem Pitchdeck stand: eine Maschine, die Girards Theorie industrialisiert. Aus den 500.000 Dollar wurde rund eine Milliarde. Es war keine Wette auf ein Produkt. Es war eine Wette auf eine Theorie über das menschliche Begehren.

Die Theorie dahinter

Girard - Nachahmung ist die Grundlage für das menschliche Konsumverhalten

Girards Kernsatz ist eigentlich eine Kränkung für den menschlichen Stolz: Du willst nichts aus dir selbst heraus. Du willst, was andere wollen, weil sie es wollen.

Nicht ein Objekt der Begierde steuert das menschliche Verhalten, sondern das Begehren eines anderen, der es haben will; erst dadurch wird es begehrenswert.

Die übliche Vorstellung geht so: In mir entsteht ein Wunsch, ich suche das passende Objekt, ich kaufe es. Girard dreht die Reihenfolge um. Am Anfang steht kein Objekt, sondern ein Modell: ein anderer Mensch, der etwas begehrt. Erst sein Begehren macht das Objekt begehrenswert. Der Wunsch läuft nicht in einer Linie von mir zum Ding, sondern im Dreieck: über den anderen.

Girard nennt das mimetisches Begehren, und er sieht darin keinen Randeffekt, sondern das Betriebssystem der Zivilisation. Schon Aristoteles notierte, dass der Mensch das nachahmendste aller Lebewesen ist. Das Kind lernt Sprache, Gesten, Werte, alles durch Imitation. Girards Punkt: Die Imitation hört beim Erwachsenen nicht auf. Sie wird nur unsichtbar. Wir imitieren weiter, halten das Ergebnis aber für unseren eigenen Geschmack, zugespitzt:

Imitation is the root of all behavior

Die Eskalation verläuft in drei Stufen. Erst Nachahmung: Ich übernehme, was das Modell tut. Dann mimetisches Begehren: Ich will, was das Modell will. Dann mimetische Rivalität: Das Modell wird zum Konkurrenten, denn wir wollen jetzt dasselbe. Deshalb kämpfen Menschen um dieselben Schulen, dieselben Jobs, dieselben Adressen, dieselben Marken. Nicht weil diese Dinge objektiv die besten sind. Sondern weil die anderen sie wollen.

Und die härteste Pointe der Theorie: Die Rivalität wächst mit der Ähnlichkeit. Nicht der Fremde ist der schärfste Konkurrent, sondern der Nachbar. Je näher sich zwei Menschen oder zwei Unternehmen sind, desto identischer werden ihre Begierden, und desto brutaler der Kampf um dasselbe Objekt.

Das Verzeichnis war eine Goldmine

Jetzt wird sichtbar, was Thiel 2004 sah.

Ein soziales Netzwerk verkauft keine Fotos und keine Statusmeldungen. Es verkauft das Dreieck. Es zeigt dir permanent, was Menschen wie du haben, tun, kaufen, wohin sie reisen, was sie feiern. Es ist eine Maschine, die Modelle liefert, im Girardschen Sinn: Vorbilder des Begehrens, im Minutentakt, personalisiert.

Werbung vor Facebook musste das Modell erst mühsam bauen: den Schauspieler, das Testimonial, die inszenierte Szene. Facebook lieferte das wirksamste Modell frei Haus, den Bekannten. Denn Girards Ähnlichkeitsregel gilt auch fürs Begehren: Je ähnlicher mir das Modell, desto ansteckender sein Wunsch. Der Urlaub des Kollegen infiziert stärker als der Werbespot mit dem Star.

Thiel investierte nicht in eine Website. Er investierte in die Infrastruktur der Nachahmung.

Muster, sie sich wiederholen

Die Tulpe. Wer diese Seite kennt, kennt die Semper Augustus: Preise kollabieren nicht, wenn sie zu hoch sind, sondern wenn die Geschichte reißt, die sie trägt. Girard liefert den Motor unter dieser Geschichte. Eine Blase ist mimetisches Begehren im Zeitraffer: Jeder Käufer wird zum Modell für den nächsten. Der Preis steigt nicht trotz fehlendem Eigenwert, sondern durch das sichtbare Wollen der anderen. Tulpen, Aktien, Immobilien, KI-Bewertungen. Das Muster hat kein Verfallsdatum.

Der Wettbewerb als Nachahmungsfalle. Girards unbequemste Konsequenz fürs Geschäft: Auch Unternehmen begehren mimetisch. Alle bieten auf dieselben Keywords, jagen dieselben Fachkräfte, kopieren dieselben „Best Practices“, drängen in denselben Trend. Nicht weil die Analyse es ergab, sondern weil der Wettbewerber es tut. Thiels Schlussfolgerung daraus wurde sein bekanntester Satz: Competition is for losers. Wer im mimetischen Rennen läuft, kämpft dort, wo alle kämpfen, um das, was alle wollen, mit schrumpfenden Margen als Eintrittspreis. Der Ausweg ist kein besseres Rennen, sondern ein anderes Spielfeld.

Das Modell im Verkaufsprozess. Die praktische Frage für jedes Angebot lautet nicht „wie überzeuge ich“, sondern „wer ist das Modell“. Der Interessent kauft nicht dein Argument, er kauft das sichtbare Begehren von Menschen, die ihm ähneln. Der Hotelier glaubt dem Hotelier. Die Gemeinde glaubt der Nachbargemeinde. Referenzen wirken nicht durch Menge, sondern durch Ähnlichkeit. Und Goldman wusste das schon 1937, als niemand seinen Einkaufswagen schieben wollte: Er heuerte keine Erklärer an, sondern Vorbilder.

Die eigene Strategie. Der härteste Einsatz der Theorie ist der Blick in den Spiegel. Welche deiner Ziele sind deine, und welche hast du dir bei anderen angesteckt? Das größere Büro, der zweite Standort, das Wachstumsziel, der Kanal, „auf dem man heute sein muss“. Girard nimmt einem die bequeme Illusion, das eigene Wollen käme von innen. Aber genau diese Kränkung ist der Edge: Wer sein Begehren prüfen kann, entscheidet. Wer es nicht prüft, wird entschieden.

Stefan Prosch
Stefan Prosch