Die Zunge von Boris Becker. Warum man auch Aufschläger und nicht nur den Aufschlag lesen sollte

Ende der Achtzigerjahre gibt es im Tennis ein ungelöstes Problem, und es heißt Boris Becker. Genauer: sein Aufschlag. Etwas, das der Sport in dieser Form noch nicht gesehen hat, so schnell, so wuchtig, dass die Antwort des Gegners keine Entscheidung mehr ist, sondern ein Reflex. Andre Agassi verliert die ersten drei Begegnungen. Er gilt als bester Rückschläger seiner Generation, und er hat keine Antwort.

Die naheliegende Reaktion wäre die der Mehrheit: härter trainieren, schneller werden, den Reflex schärfen. Mehr vom Gleichen, nur besser. Agassi tut etwas anderes. Er setzt sich aufs Sofa und schaut Videobänder. Stunde um Stunde, Aufschlag um Aufschlag. Er sucht nicht nach einem besseren Reflex. Er sucht nach einem Muster.

Das Muster, das niemand suchte

Er findet eines, an einer Stelle, an der niemand sucht. Kurz vor dem Ballwurf, mitten in der immer gleichen Routine, streckt Becker die Zunge heraus. Liegt die Zungenspitze mittig auf der Lippe, kommt der Aufschlag durch die Mitte oder auf den Körper. Wandert sie in den Mundwinkel, geht der Ball nach außen.

Beckers Körper kündigt an, was Beckers Kopf geheim halten will. Agassi muss den schnellsten Aufschlag der Welt nicht mehr lesen. Er liest den Aufschläger.

Von diesem Moment an gewinnt Agassi 10 der nächsten 11 Begegnungen. Endstand der Rivalität: 10 zu 4.

Das Signal vor dem Signal

Die erste Lehre liegt offen da. Der Ball ist ein nachlaufender Indikator. Bei über 200 km/h ist die Information wertlos, sobald sie ankommt. Wer auf den Ball reagiert, hat bereits verloren, er weiß es nur noch nicht. Der Vorsprung liegt immer im Signal vor dem Signal.

Unternehmen starren fast ausschließlich auf Bälle. Die Bilanz ist ein Ball, sie zeigt, was vor Monaten entschieden wurde. Der Umsatzeinbruch ist ein Ball. Die Kündigung des besten Mitarbeiters ist ein Ball. Alles Information, die ankommt, wenn die Reaktion nur noch Reflex sein kann.

Die Zunge des Marktes sieht anders aus: Stellenanzeigen des Wettbewerbers, Monate bevor er den neuen Bereich verkündet. Lieferzeiten, die sich verschieben, bevor die Preisliste es tut. Das Verhalten eines Kunden vor der Entscheidung, das mehr verrät als jede Befragung danach. Menschen sagen nicht, was sie tun werden. Aber sie zeigen es, bevor sie es tun. Man muss nur wissen, wohin man schaut, und die Antwort lautet fast nie: auf den Ball.

Der Vorteil, den niemand sehen durfte

Die eigentliche Lehre dieser Geschichte beginnt erst nach der Entdeckung, und sie ist die seltenere. Agassi sagte später, das Schwierigste sei nicht gewesen, Beckers Aufschlag zu retournieren. Das Schwierigste sei gewesen, sich nicht anmerken zu lassen, dass er es konnte.

Hätte er jeden Aufschlag antizipiert, hätte Becker sein Muster geändert, und der Vorteil wäre an einem Nachmittag verbrannt gewesen. Also rationierte Agassi sein Wissen. Über weite Strecken eines Matches widerstand er der Versuchung und ließ Aufschläge passieren, die er hätte lesen können. Er setzte die Information nur bei den Punkten ein, die Matches entscheiden.

Ein Vorteil, den alle sehen, ist keiner mehr. Edward Thorp, der Mann, der das Kartenzählen erfand, machte dieselbe Erfahrung: Das Zählen war die kleinere Arbeit. Die größere bestand darin, nicht wie ein Zähler auszusehen, in Verkleidungen, in absichtlich verlorenen Händen, in Dosierung. Der Edge ist die halbe Miete. Die Tarnung des Edge ist die andere Hälfte.

Wer jede Preisbewegung des Wettbewerbers sofort kontert, verrät, dass er beobachtet. Wer immer exakt die richtigen Ausschreibungen gewinnt, lädt zum Reverse Engineering ein. Der sichtbar ausgespielte Informationsvorsprung erzieht den Gegner, und ein erzogener Gegner hat keine Zunge mehr.

Die eigene Zunge

Dann die Umkehrung, und sie ist unbequem: Becker kannte sein eigenes Tell nicht. Fünfzehn Jahre Weltklasse, ein Team aus Trainern und Analysten, Tausende Stunden Videomaterial, und niemand sah die Zunge. Nach Niederlagen ging er nach Hause und sagte seiner Frau, es sei, als lese Agassi seine Gedanken.

Erst Jahre nach beiden Karrieren, bei einem Bier auf dem Oktoberfest, beichtete Agassi. Becker fiel fast vom Stuhl.

Und hier setzt die Geschichte ihre letzte Pointe. Becker bestreitet sie bis heute in Teilen, eine schöne Hollywood-Story, sagt er. Agassis Antwort ist ein Lehrsatz für sich: Dann müsse Becker eben erklären, wie er zehnmal in Folge gegen jemanden verlieren konnte, der angeblich nicht wusste, wohin der Aufschlag kommt. Becker hat die Wahl zwischen zwei unangenehmen Wahrheiten, und er wählt lieber keine. Auch das ist menschlich. Auch das ist vorhersagbar. Wir verteidigen das Bild von uns selbst hartnäckiger als jedes Spiel.

Was bleibt

  • Der Ball ist ein nachlaufender Indikator. Bilanzen, Umsatzeinbrüche und Kündigungen sind Bälle. Der Vorsprung liegt im Signal davor.
  • Das Tell sitzt nie dort, wo alle hinschauen. Nicht am Schläger, an der Zunge. Nicht in der Pressemitteilung, in der Stellenanzeige.
  • Menschen sagen nicht, was sie tun. Sie zeigen es, bevor sie es tun. Verhalten vor der Entscheidung schlägt jede Auskunft danach.
  • Ein Vorteil, den alle sehen, ist keiner mehr. Wer seinen Edge findet, muss ihn dosieren und tarnen, sonst erzieht er den Gegner.
  • Von innen ist das eigene Tell unsichtbar. Becker hatte fünfzehn Jahre und das beste Team. Es brauchte den Gegner. Die Außenprüfung des eigenen Musters ist keine Kür.
  • Selbstbild schlägt Evidenz. Lieber die Geschichte bestreiten als eine unangenehme Wahrheit wählen. Nicht rational, aber vorhersagbar.

Die BTD-Kernfrage: Was ist Ihre Zunge? Welches Muster sendet Ihr Unternehmen, das ein aufmerksamer Gegner längst liest, während Sie auf den Ball starren? Und wer hat es zuletzt von außen geprüft?

Wer das Muster sieht, bevor der Ball fliegt, gewinnt.

Stefan Prosch
Stefan Prosch