Re.Think. Der Wert eines Angebots hängt davon ab, was daneben liegt

New York, in den 1930er Jahren. Zwei Brüder betreiben eine Schneiderei. Sid verkauft vorne im Laden. Harry näht hinten. Und gemeinsam führen sie eines der elegantesten Verkaufsstücke der Wirtschaftsgeschichte auf.

Der Trick geht so: Sid gibt vor, schwerhörig zu sein. Ein Kunde probiert einen Anzug an, fragt nach dem Preis. Sid ruft nach hinten: „Harry, was kostet der Anzug?“

Harry ruft zurück: „42 Dollar!“

Sid hält die Hand ans Ohr. „Wie viel?“

„42 Dollar!“

Sid dreht sich zum Kunden und sagt: „22 Dollar.“

Der Kunde zahlt sofort. Er will den Laden verlassen, bevor der schwerhörige Alte seinen Fehler bemerkt. Er glaubt, 20 Dollar gespart zu haben.

Der Anzug war 22 Dollar wert. Er hat exakt den richtigen Preis bezahlt.

Der Anzug von Sid und Harry - Der Wert eines Angebots hängt davon ab, was daneben liegt

Der Kunde kaufte keinen günstigen Anzug. Er kaufte eine Geschichte über einen günstigen Anzug.

Robert Cialdini erzählt diese Episode in „Influence“. Sie illustriert das Kontrastprinzip: Wir bewerten nichts absolut. Wir bewerten alles im Verhältnis zu dem, was direkt daneben liegt.

Heben Sie erst einen leichten Gegenstand, dann einen schweren. Der schwere fühlt sich schwerer an, als er ist. Halten Sie eine Hand in kaltes Wasser, die andere in heißes, dann beide in lauwarmes. Dieselbe Temperatur. Zwei völlig verschiedene Empfindungen.

Ihr Gehirn misst nicht. Es vergleicht.

Und genau hier liegt der Denkfehler der meisten Preisdiskussionen. Unternehmer fragen: „Was ist mein Produkt wert?“ Die Frage ist falsch gestellt. Ein Produkt hat keinen Wert im luftleeren Raum. Es hat einen Wert im Kontext.

Niemand kennt den Wert eines Anzugs. Jeder kennt den Wert von 22 Dollar neben 42 Dollar.

Sid und Harry haben nichts am Anzug verändert. Kein Stoff, kein Schnitt, kein Knopf. Sie haben nur die Zahl verändert, die der Kunde zuerst hörte. Der Anker stand, bevor der Preis fiel. Der Rest war Physik der Wahrnehmung.

Was das für Ihr Geschäft bedeutet

Das Kontrastprinzip ist kein Verkäufertrick aus den 30er Jahren. Es arbeitet heute in jedem Angebot, das Sie schreiben. Die Frage ist nur: Arbeitet es für Sie oder gegen Sie?

Erstens: Die Reihenfolge ist der Hebel. Wer erst das günstige Produkt zeigt und dann das teure, macht das teure teurer. Wer erst das teure zeigt, macht das günstige zum Geschenk. Immobilienmakler zeigen deshalb zuerst zwei überteuerte Objekte, bevor sie das eigentliche Haus präsentieren. Der Verkäufer, der nach dem Anzug die 40-Euro-Krawatte anbietet, verkauft sie mühelos. Vor dem Anzug wäre sie zu teuer gewesen.

Zweitens: Ihr teuerstes Angebot verkauft Ihr mittleres. Das Premium-Paket, das kaum jemand kauft, ist kein totes Inventar. Es ist der Anker, der Ihr Kernangebot günstig aussehen lässt. Wer nur eine Option anbietet, zwingt den Kunden, den Vergleich selbst zu suchen. Und der Kunde vergleicht dann mit dem Billigsten, das er im Kopf hat.

Drittens: Wer den Kontext nicht setzt, dem wird er gesetzt. Ihr Angebot liegt nie allein auf dem Tisch. Es liegt neben dem Angebot des Wettbewerbers, neben dem letzten Preis, den der Kunde gezahlt hat, neben einer vagen Erinnerung an „was so etwas kostet“. Sie kontrollieren den Vergleichsrahmen, oder der Zufall tut es.

Der Preis ist keine Eigenschaft des Produkts. Er ist eine Eigenschaft der Situation. Das ist dieselbe Mechanik, die eine Tulpenzwiebel zum Preis eines Stadthauses handeln ließ und ein Gemälde für 450 Millionen Dollar: Der Wert entsteht nicht im Objekt. Er entsteht im Rahmen, den jemand um das Objekt gebaut hat.

Sid und Harry haben das mit zwei Zurufen erledigt. Ihre Konkurrenz hat vermutlich am Stoff gearbeitet.

Wer den Vergleich kontrolliert, kontrolliert den Wert.

Stefan Prosch
Stefan Prosch