Salvator Mundi. Das Bild, das keinen Preis hatte

New York, 15. November 2017, kurz nach sieben Uhr abends. Im Saal von Christie’s im Rockefeller Center hält Auktionator Jussi Pylkkänen den Hammer über Los 9 B, einem kleinen Christusbild mit Glaskugel in der Hand. Der Startpreis liegt bei 90 Millionen Dollar. Was folgt, sind 19 Minuten, in denen zwei anonyme Telefonbieter sich in Zehn-Millionen-Schritten hochtreiben, während der Saal erst lacht, dann verstummt. Bei 400 Millionen fällt der Hammer, mit Gebühren: 450 Millionen Dollar, verkauft an den saudischen Königshof. Zwölf Jahre zuvor war dasselbe Bild bei einer Nachlassauktion in New Orleans den Besitzer gewechselt. Für 1.175 Dollar.

Die Farbe ist dieselbe. Die Leinwand ist dieselbe. Der Christus mit der Glaskugel ist derselbe. Verändert hat sich in diesen zwölf Jahren nur eines: die Geschichte, die das Bild trägt.

Salvator Mundi, „Erlöser der Welt“, wird Leonardo da Vinci zugeschrieben. Zugeschrieben, nicht bewiesen. Die Herkunft ist lückenhaft, zwischen 1650 und 1763 verliert sich die Spur fast vollständig. Um 1900 galt es als Werk eines Schülers. Fachleute streiten bis heute, wie viel Leonardo tatsächlich in diesem Bild steckt.

Die übliche Lesart dieser Geschichte kennt zwei Varianten, und beide biegen zu früh ab. Die eine: Der Kunstmarkt ist eben verrückt, eine Blase, ein Kuriosum ohne Lehre. Die andere: Die spannende Frage sei, ob das Bild nun echt ist oder nicht. Beide Lesarten übersehen den eigentlichen Vorgang. Denn die interessante Frage lautet nicht, ob es ein Leonardo ist. Die interessante Frage lautet, warum ausgerechnet der Zweifel den Preis freigesetzt hat.

Für jeden normalen Verkäufer ist eine lückenhafte Provenienz ein Problem. Für Loic Gouzer, damals Manager bei Christie’s, war sie das Produkt. Ein zweifelsfrei belegter Leonardo hätte einen Marktpreis gehabt. Man hätte ihn vergleichen können, einordnen, deckeln. Ein umstrittener Leonardo hat keinen Preis.

Der Zweifel war nicht das Risiko. Der Zweifel war der Hebel. Denn was keinen Preis hat, hat auch keine Obergrenze.

Gouzer spielte deshalb nicht das offensichtliche Spiel, die Experten zu überzeugen. Er wechselte das Spielfeld, in drei Zügen.

Der erste Zug galt dem Käufer. Keine Museen, keine Kunsthistoriker, kein Fachpublikum, sondern private Vorbesichtigungen für Milliardäre. Kunstliebhaber kaufen Schönheit und wollen Gewissheit. Milliardäre kaufen Status und wollen eine Geschichte, die sonst niemand erzählen kann. Der zweite Zug machte die Kontroverse zum Verstärker. Werbespots zeigten weinende Menschen vor dem Bild, Leonardo DiCaprio posierte damit, die Medien tauften es die männliche Mona Lisa. Die Kunstszene empörte sich, und jede Empörung machte das Bild berühmter. In dieser Zielgruppe zählt nicht, was Kritiker denken. Es zählt, was sonst niemand besitzt. Der dritte Zug war die Inszenierung selbst: ein Startpreis von 90 Millionen, hoch genug, um jedes Nebengeräusch auszublenden.

Wer bei 90 Millionen einsteigt, verhandelt nicht mehr über Wert. Er verhandelt über Rang.

Am Ende boten zwei Käufer gegeneinander, kein Spektakel, ein stiller Wettbewerb der Egos. Gouzer verkaufte an diesem Abend kein Bild. Er verkaufte, was der Besitz dieses Bildes über seinen Besitzer sagt. Und genau hier verlässt die Geschichte den Kunstmarkt und wird allgemein.

Menschen kaufen nicht das Produkt. Sie kaufen, was der Besitz des Produkts über sie aussagt.

Das Muster steckt nicht in fernen Auktionssälen, sondern im Alltäglichen, dort, wo es am schwersten zu sehen ist. Im Beratungsmandat, das nicht wegen der Methode gewählt wird, sondern wegen des Namens auf der Rechnung. Im Premiumprodukt, dessen Aufpreis keine Funktion bezahlt, sondern eine Selbstbeschreibung. In der Uhr, dem Studienabschluss, der Adresse. Wer in diesen Märkten über Eigenschaften argumentiert, hat das Spiel bereits verloren, bevor es beginnt.

Eigenschaften sind vergleichbar. Geschichten nicht.

Die unbequemere Hälfte der Lektion liegt noch eine Ebene tiefer. Gouzer hat das Bild nicht verbessert. Kein Pinselstrich kam hinzu, kein Gutachten wurde zweifelsfreier. Er hat den Raum verändert, in dem das Bild bewertet wurde, und die Menschen, die in diesem Raum saßen. Der Preis entstand nicht im Objekt. Er entstand im Publikum. Die Tulpe Semper Augustus hat einst gezeigt, wann Preise kollabieren: wenn die Geschichte reißt, die sie trägt. Salvator Mundi zeigt das Gegenteil derselben Regel.

Preise entstehen nicht aus Objekten. Sie entstehen aus Geschichten, die stark genug sind, ein Objekt zu tragen.

Es bleibt die Frage, was das über all die Bewertungen sagt, die täglich für objektiv gehalten werden. Über Gehälter, Honorare, Firmenbewertungen, Marktpreise, die scheinbar aus Eigenschaften folgen und in Wahrheit aus Erzählungen. Seit jenem Abend im November 2017 hat übrigens niemand das Bild mehr öffentlich gesehen. Es hängt in keinem Museum, sein Aufbewahrungsort ist Gegenstand von Gerüchten.

Vielleicht muss es auch nie wieder gezeigt werden: Die Geschichte hat ihren Preis erzielt, das Objekt ist entbehrlich geworden.

Stefan Prosch
Stefan Prosch