Teurer Wein schmeckt besser. Der Preis bestimmt den Genuss

Ein Labor in Kalifornien, 2008. Ein Mann liegt regungslos in der Röhre eines Hirnscanners, ein dünner Schlauch führt in seinen Mund. Auf dem Bildschirm über ihm erscheint eine Zahl: 90 Dollar. Dann kommt der Schluck.

Kurz darauf erscheint eine andere Zahl: 10 Dollar. Wieder ein Schluck.

Es ist derselbe Wein. Gleiche Flasche, gleicher Jahrgang, gleiche Menge. Geändert hat sich nur die Zahl auf dem Bildschirm.

Was der Scanner zeigte

Das Team um Hilke Plassmann und Antonio Rangel ließ zwanzig Probanden auf diese Weise verkosten und beobachtete dabei zwei Regionen des Gehirns.

Die Areale, die Geschmacksreize verarbeiten, reagierten auf beide Gläser gleich. Die Zunge ließ sich nicht beeindrucken. Sie meldete korrekt, was sie vorfand: denselben Wein.

Der mediale orbitofrontale Kortex reagierte anders. Dort, wo das Gehirn Genuss erzeugt, stieg die Aktivität mit dem angezeigten Preis. Der 90-Dollar-Schluck bereitete messbar mehr Vergnügen als der identische 10-Dollar-Schluck.

Wo die Erklärung zu früh abbiegt

Die übliche Lesart der Studie ist schnell erzählt. Menschen lassen sich vom Etikett täuschen. Snobismus, ein bisschen Eitelkeit, ein Placebo im Glas. Wer glaubt, teuer sei besser, schmeckt eben, was er glauben will.

Das klingt vernünftig und biegt zu früh ab. Denn diese Lesart unterstellt, dass es unter dem Preisschild ein wahres Erlebnis gibt, das die Zahl verfälscht hat. Genau das zeigt der Scanner nicht. Verfälscht wurde nichts. Die Sinne arbeiteten präzise, die Probanden logen nicht und sie irrten sich auch nicht. Der Genuss war größer, tatsächlich und messbar.

Der Preis ist keine Information über ein Produkt. Er ist ein Bestandteil davon. Unter dem Etikett liegt kein wahrer Geschmack, den sich freilegen ließe.

Verständlich wird das erst, wenn man aufhört, das Gehirn für eine Messstation zu halten. Es misst nicht, es sagt vorher. Es wartet nicht ab, was die Zunge meldet, sondern prognostiziert den Genuss, bevor der Wein sie überhaupt berührt, und baut das Erlebnis um diese Prognose herum. Die Sinnesdaten korrigieren anschließend nur noch im Detail. Neunzig Dollar sind für dieses System keine Zahl, sondern eine Ankündigung.

Erwartung ist kein Filter, der vor der Wahrnehmung sitzt. Erwartung ist ein Teil der Wahrnehmung.

Die Gegenprobe liefern Blindverkostungen. Ohne Preisschild verschwindet der Vorsprung teurer Weine bei ungeübten Trinkern zuverlässig, in manchen Auswertungen kehrt er sich sogar um. Es fehlt dem Produkt dann etwas, das vorher niemand als Bestandteil wahrgenommen hätte.

Wer die Geschichte des Semper Augustus kennt oder die der preußischen Kartoffel, erkennt dieselbe Mechanik in anderer Verkleidung. Wert ist keine Eigenschaft einer Sache. Wert ist eine Schlussfolgerung, und der Preis ist das lauteste Signal, aus dem Menschen sie ziehen.

Dieselbe Zutat, überall

In Unternehmen gilt der Preis meist als Ergebnis einer Rechnung. Kosten plus Marge, Wettbewerb minus Abschlag. Dabei ist er die erste Produktbeschreibung, die ein Kunde liest, lange bevor er testet, vergleicht oder versteht. Er kündigt an, was zu erleben sein wird, und das Angekündigte tritt anschließend ein, weil das Gehirn des Kunden es herstellt.

Daraus folgt die unbequemste Konsequenz der Studie.

Ein Rabatt macht ein Produkt nicht günstiger. Er macht es schlechter. Wer den Preis senkt, senkt die Vorhersage, und der Kunde im Sale erlebt weniger als der Kunde, der voll bezahlt hat. Bei identischer Ware.

Die Mechanik endet nicht an der Kasse. Dokumentiert ist sie auch bei Schmerzmitteln, deren Wirkung nachlässt, sobald die Testperson erfährt, dass die Tablette rabattiert war. Sie steckt in der Verpackung eines Geschenks, das ausgewickelt kleiner wirkt als erwartet. Im Kaffee, der aus Porzellan anders schmeckt als aus Pappe. In der Empfehlung eines Freundes, die ein Buch verbessert, bevor die erste Seite gelesen ist. Im Kind, dem gesagt wurde, es sei musikalisch, und das deshalb besser übt.

Es ist nicht der Ausnahmefall im Labor, in dem diese Zutat wirkt. Es ist jeder Abend.

Wo die Rechnung kippt

Das Beunruhigende daran ist, wie billig sich die Vorhersage erhöhen lässt. Eine höhere Zahl kostet nichts, ändert nichts am Produkt und wirkt trotzdem sofort. Wer die Studie als Handwerk liest, hat sie in beide Richtungen gelernt.

Die Rechnung hat allerdings eine Rückseite, die selten mitgelesen wird. Eine Ankündigung wirkt auch dann präzise, wenn das Produkt sie nicht hält. Dann liefert dieselbe Mechanik keinen zusätzlichen Genuss, sondern eine Enttäuschung, die tiefer sitzt als jede niedrige Erwartung es je gekonnt hätte.

Ein hoher Preis stellt einen Scheck auf das Erlebnis aus. Gedeckt ist er nur, wenn Marke, Auftritt und Produkt dieselbe Geschichte erzählen. Verstärken kann der Preis eine Geschichte. Ersetzen kann er sie nicht.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht, was sich verlangen lässt. Sie lautet, welches Erlebnis ein Preis ankündigt und ob dieses Versprechen eingelöst wird.

Friedrich ließ ein Feld bewachen, die Kellerei druckt eine Zahl auf ein Etikett. Beide geben dem Gehirn dieselbe Sache: eine Vorhersage. Den Rest erledigt der Kunde selbst, und er merkt nichts davon.

Es bleibt die Frage, wie viel von dem, was zuletzt als außergewöhnlich in Erinnerung blieb, tatsächlich im Glas war.

Stefan Prosch
Stefan Prosch