Umberto Eco und die Bibliothek der ungelesenen Bücher

Mailand, ein Nachmittag in den frühen 2000er Jahren. Ein Besucher betritt die Wohnung von Umberto Eco und bleibt nach wenigen Schritten stehen. Die Regale ziehen sich durch Flure, um Ecken, über Türrahmen hinweg. Rund dreißigtausend Bände, dazu weitere zwanzigtausend im Sommerhaus. Der Besucher schaut, rechnet still, und stellt dann die Frage, die fast jeder stellt, der diese Räume zum ersten Mal sieht: „Haben Sie die alle gelesen?“

Eco hatte für diese Frage mehrere Antworten vorbereitet, je nach Laune. Eine davon: „Nein. Das hier sind nur die Bücher, die ich nächste Woche lesen muss.“ Der Besucher lachte, das Gespräch ging weiter, und die eigentliche Pointe blieb, wie meistens, unbemerkt im Raum stehen.

Die übliche Lesart dieser Geschichte ist schnell erzählt: ein gelehrter Mann, eine beeindruckende Sammlung, eine witzige Antwort auf eine naive Frage. Wer die Geschichte so liest, ist zu früh abgebogen. Denn die interessante Frage lautet nicht, ob Eco alle Bücher gelesen hat. Die interessante Frage lautet, warum der Besucher wie selbstverständlich annimmt, der Wert dieser Bibliothek läge in den gelesenen Büchern. Die gelesenen Bücher haben ihre Arbeit getan. Was Eco jeden Tag umgab, war etwas anderes: fünfzigtausend sichtbar aufbewahrte Erinnerungen an das, was er noch nicht wusste.

Eine Bibliothek ist kein Denkmal für das, was jemand weiß. Sie ist ein Werkzeug für das, was jemand noch nicht weiß.

Nassim Taleb hat dafür später den Begriff Antibibliothek geprägt. Die ungelesenen Bücher sind nicht der peinliche Rest, der Beweis mangelnder Disziplin. Sie sind der wertvollste Teil der Sammlung. Ein gelesenes Buch bestätigt. Ein ungelesenes Buch stellt Fragen.

Und genau an dieser Stelle wird die Anekdote geschäftlich brisant. Denn fast jedes Unternehmen begeht täglich den Fehler des Besuchers. Es schaut auf die gelesenen Bücher und nennt das Marktforschung. Zufriedenheitsumfragen gehen an Käufer. Bewertungen schreiben Käufer. Fallstudien porträtieren Käufer. Das gesamte Wissen über den Markt speist sich aus Menschen, die bereits Ja gesagt haben. Die Bibliothek wirkt vollständig gelesen, und alle fühlen sich gut informiert.

Die größten Einsichten eines Unternehmens liegen nicht bei den Kunden, die gekauft haben. Sie liegen bei denen, die es nicht getan haben.

Wer gekauft hat, erzählt eine Geschichte der Selbstbestätigung. Der Preis war es wert, das Produkt war die richtige Wahl, die Entscheidung wird im Nachhinein verteidigt, weil niemand gern zugibt, sich geirrt zu haben. Diese Stimmen sind angenehm, laut und leicht zu erheben. Sie sind die gelesenen Bücher. Der Nichtkäufer dagegen schweigt. Er füllt keine Umfrage aus, er schreibt keine Rezension, er hinterlässt nichts als eine Lücke in der Statistik. Dabei trägt er die einzige Information, die wirklich wachsen lässt: den genauen Grund, warum das Angebot nicht überzeugt hat. Ein Zögern beim Preis, ein Wort auf der Website, das Misstrauen auslöste, ein Konkurrent, von dem im eigenen Haus niemand spricht.

Käufer erklären, warum die Entscheidung richtig war. Nichtkäufer wissen, warum sie falsch gewesen wäre.

Die Statistik kennt dieses Muster seit 1943. Damals untersuchte der Mathematiker Abraham Wald zurückgekehrte Bomber der US-Luftwaffe. Die Militärs wollten die Stellen panzern, an denen die Maschinen die meisten Einschusslöcher zeigten. Wald widersprach: Zu panzern seien die Stellen ohne Löcher. Denn die untersuchten Flugzeuge waren die Überlebenden. Die Maschinen, die an den unversehrten Stellen getroffen wurden, kamen nie zurück und tauchten deshalb in keiner Auswertung auf. Die entscheidende Information lag nicht in den vorhandenen Daten. Sie lag in den fehlenden.

Wachstum versteckt sich nicht in den Daten, die vorhanden sind, sondern in denen, die fehlen.

Das Beunruhigende daran: Die fehlenden Daten fühlen sich nach nichts an. Der Käufer, der abspringt, löst keinen Alarm aus. Der Besucher, der die Seite nach acht Sekunden schließt, hinterlässt keinen Beschwerdebrief. Neunundneunzig von hundert Menschen, die ein Angebot sehen und weitergehen, verschwinden lautlos, und das Unternehmen optimiert unterdessen mit großer Sorgfalt für das eine Prozent, das geblieben ist. So entstehen Produkte, die ihren bestehenden Kunden immer besser gefallen und für alle anderen immer unsichtbarer werden. Eine Bibliothek, in der nur noch nachgekauft wird, was den bereits gelesenen Büchern ähnelt.

Die gefährlichste Marktforschung ist die, die nur mit Menschen spricht, die schon überzeugt sind.

Wer diese Geschichte kennt, sieht Ecos Regale plötzlich in jeder Verkaufsstatistik. Die abgeschlossenen Deals sind die gelesenen Bücher: bekannt, ausgewertet, gefeiert. Die verlorenen Anfragen, die stillen Abbrüche, die nie gestellten Fragen sind die Antibibliothek. Unbequem, unaufgeräumt, und um ein Vielfaches größer als alles, was in den Berichten steht. Es bleibt die Frage, wie ein Unternehmen aussähe, das seine Nichtkäufer mit derselben Hingabe studiert wie seine Umsatzbringer. Das jedem verlorenen Kunden dieselbe Neugier entgegenbringt wie Eco einem ungelesenen Band.

Stefan Prosch
Stefan Prosch